Nach der Nacht haben wir uns umentschieden. Auch wenn die verschiedenen 3000er Gipfel des Pelvo d’Elva vor unserem Fenster locken – wir haben jetzt „Berghalbzeit“ – und noch 3 Wochen bis Ventimiglia vor uns. Wir bleiben also nicht nur heute, sondern hängen eine weitere Nacht hier im Hotelchen dran statt der Pelvo Besteigung und einer Zwischenübernachtung in einem Biwak (wir waren dort schon mal und haben wegen Horden pubertierender Pfadfinder keinen Schlafplatz mehr bekommen, außerdem haben wir jetzt abends gescheiten Hunger, auf dem Biwak gibt es aber nichts!).
Um am Montag zu unserer nächsten Unterkunft nach Chialvetta auf die andere Seite und weiter westlich im Mairatal zu kommen, steigen wir den üblichen GTA Wanderweg gut 1000m ab bis Stroppo. Dann können wir trampen bis Acceglio und dann noch dreihundert Höhenmeter aufsteigen. Also auch nicht Nichts – nur einfacher! So können wir auch die Zeit und das gute WLAN nutzen, um den Blog nachzutragen. Mein Arbeitsplatz funktioniert gut!

Elva erreicht man durch das Valle Maira. In Stroppo biegt eine teilweise von Hand herausgehauene Straße durch die Felswände nach oben. Elva selbst liegt nur 600 Höhenmeter unterhalb des Übergangs zum Varaitatal im Norden. Rein kulturell gehört das Mairatal zu Okzitanien. Die okzitanische Sprache ist zwar in Italien erlaubt, aber hier im abgeschlossenen Mairatal wird diese Kultur besonders gepflegt. Durch die Abgeschlossenheit (kein Durchgangstal nach Frankreich) und die Ausrichtung auf einen eher konservierenden nachhaltigen Tourismus ist die Bedeutung des auch noch gesprochenen Dialekts für Italien besonders.
Durch seine abgeschiedene Höhenlage war Elva zunächst sehr arm. Wie in vielen Bergregionen in den Alpen mußten sich die Menschen etwas einfallen lassen, um die Zeit der ruhenden Landwirtschaft auf den sowieso eher kargen Böden Ertragsbringend zu verwenden.
Das 2006 eingeweihte Museo di Pels (oder Haarmuseum) von Elva bewahrt die Erinnerung an ein einzigartiges Handwerk, das in den Bergen des Maira-Tals entstand: das der Haarsammler.
Zwischen 1880 und 1920 war die Armut im Maira-Tal groß. Die außergewöhnliche Tätigkeit der Caviè bestand im Sammeln und Sortieren von Haaren. Lhi Pelassiers brachen zu Beginn des Herbstes von Elva auf, wenn die landwirtschaftlichen Arbeiten beendet waren, und reisten überall dorthin, wo sie eine Frau oder ein Mädchen finden konnten, die bereit war, ihr Haar gegen ein paar Lire, ein Stück Stoff oder ein Halstuch abzugeben. Die Ärmsten lebten also von der Ausnutzung noch Ärmerer!
Wenn es an echten Zöpfen mangelte, gaben sie sich auch mit ausgekämmten Haaren zufrieden. Die gesamte Ernte wurde in große Säcke verpackt und nach Elva gebracht. Hier wurden sie von den Frauen gewaschen, gekämmt und in Zöpfe unterteilt, die zum Trocknen aufgehängt wurden. Es handelte sich um einen wertvollen Rohstoff, der für die Herstellung von Perücken unerlässlich war und auf ausländischen Märkten vertrieben wurde.

Das Museum bewahrt die Erinnerung an dieses Wanderhandwerk und an den Einfallsreichtum und die Not eines Bergdorfes, um der Armut zu begegnen.
Besonders gefragt waren lange blonde Zöpfe, die bis nach London und Toronto exportiert wurden. Perücken aus dem Piemont sollen sowohl von Mitgliedern des englischen Oberhauses als auch von Richtern in Kanada getragen worden sein. Die erfolgreichsten Haarhändler zogen bis nach Sizilien, um einer Frau ihren Zopf abzuschwätzen.
Vom Geschäft mit den Haaren, also Handel und Verarbeitung lebten in Elva zeitweise über 500 Personen. Durch die Nachfrage und den Internationalen Handel wurde Elva später auch zu einer reicheren Gemeinde.
Aber bereits schon im Mittelalter konnte das abgelegene Elva eine erste Besonderheit aufweisen: die kleine Kirche Santa Maria Assunta hat nachweisbare Ursprünge in der Zeit von 1355. Neben uralten Steinbildmotiven im Eingang sticht die Kirche vor allem durch die Fresken hervor. Dazu ist es wohl gelungen einen damaligen Star der Malerei in dieses abgelegene Dorf zu holen, der flämische Maler Klemer brachte nicht nur sein persönliches Können, sondern auch die seltene Mischung nord- und südeuropäischer Kunststile mit hierher. Dadurch wird die kleine Kirche in Elva zu einem kulturellen Schwerpunkt im Piemont.
Eine – längere!- ziemlich interessante kritische Betrachtung zum Haarhandel und den sozialen Hintergründen auch der Neuzeit findet sich hier!
