Eine botanische Besonderheit ist der gut 800 Hektar große Bosco dell’Alevé, der sich im oberen Varaita-Tal, auf dem Gemeindegebiet von Sampeyre, Casteldelfino und Pontechianale, im Süden des Monviso-Massivs (an den Hängen der Punta Malta und Cima delle Lobbie), erstreckt. Im Abstieg vom Monviso laufen wir also hier durch. Es handelt sich um den größten Zirbenwald der Alpen (700 Hektar fast reiner Bestand, ansonsten von Lärchen durchsetzt), der schon in Vergils Aeneis vor etwa 2000 Jahren erwähnt wurde. Er erstreckt sich auf zwischen 1500 und 2600 Metern Höhe (einzelne Exemplare stehen auf 2800 m Höhe). Die Zirbe oder Arve ist ein Nadelbaum der bis in große Höhen (weil äußerst frostunempfindlich), und als Besonderheit auch auf sehr kargen und nährstoffarmen Böden wächst, was seine flächengroße Verbreitung hier erklärt. Dieser Wald wurde nicht gerodet, da er auf sehr felsigem und steilem Untergrund wächst, und so wäre nach einer Rodung nur Ödland statt Weiden oder Äckern entstanden. Aus diesem Grund – aber auch als wichtiger Lawinen- und Steinschlagschutz – wurde der Bosco dell’Alevé ein Bannwald, und in den Gemeindestatuten wurde sein strenger Schutz festgelegt.
Mitten darin in diesem wunderschönen Wald liegt das Refugio Bagnour! Wir sind die letzten beim Frühstück, haben alle Zeit der Welt, da wir an diesem Tag „nur“ gut 1000 Höhenmeter im Anstieg und ca. 1400m im Abstieg haben. Der Bus, der Sven und Marek an diesem Abreisetag unten aus dem Val Varaita nur bis Turin bringen soll, fährt erst nachmittags. Also noch einmal Kaffee und heiße Milch ordern – die Wirtsleute auf dieser großartigen Hütte sind wirklich sehr geduldig – auch weil sie sicher unseren Weg gestern nachempfinden können! Der Geist der Leute wird vielleicht auch durch die Erinnerung an die beiden getöteten Mafiajäger deutlich! Nochmals ganz herzlichen Dank für die Unterstützung!
Wir schauen noch ein bisschen dem Hüttenhund zu, der das Huhn unterdrückt. Nach dem Fels und dem Schutt gestern ist es heute eine Wohltat für die Sinne durch diesen Wald abzusteigen, keiner von uns bleibt davon unberührt! 800m tiefer kommen wir im schönen Ort Casteldelfino an.
Hier werden die anderen uns verlassen, wir suchen noch eine Bar, an einer Tankstelle fragt Marek spontan an einem deutschen Campingbus nach einer Mitfahrgelegenheit Richtung Turin – es klappt! Schnell übergeben wir unsere Kletterhelme und -gurte aus unseren Rucksäcken, ich übernehme von Marek dessen Hüttenschlafsack (meiner ist inzwischen völlig zerrissen), nochmal kurz winken (hinter der Scheibe sind sie kaum noch zu erkennen) – Schwupp, dann sind die beiden Gefährten der letzten fünf ereignisreichen Tage weg!

Cilli und ich setzen uns erstmal in die Bar – zwei Sandwiches, eine Cola, ein Kaffee. Dann geht es in die 1000m Anstieg, Cilli führt mich mit einem „regenerativen“ stetigen Tempo den Wald hoch. Es ist also schön schattig! Ein paar irritierende Viehspuren, die in die Irre führen, meistert Cilli grandios – unschwierig kommen wir oben am Pass an, schauen noch einmal rüber zum Monviso und lassen das Valle Varaita hinter uns, blicken ins Valle Maira.
500m tiefer laufen wir in Elva ein, finden unsere Unterkunft um ca. 17:00 Uhr, trinken ein kleines alkoholfreies Bier. Wir bekommen unser schönes Zimmer gezeigt, dürfen sogar der Wirtin einen dicken Beutel Wäsche für die Waschmaschine in die Hand drücken – fallen dann erstmal aufs Bett! Vielmehr – ich lege mich vorsichtig aufs Bett, mein Oberschenkel mag keinen Druck, auch mein Rücken, meine Arme – überall habe ich ein bisschen Muskelkater! Wir sind beide von der Tortur gestern ganz schön kaputt. Die Aussicht, wie geplant nach einem Ruhetag die schönen uns gegenüber vor der Nase liegenden 3000er zu besteigen – mhm. Wir brauchen Pause! Alte Schildkröten regenerieren langsamer- und wir wollen noch 3 Wochen weiter! Es gibt natürlich etwas Gutes zu essen – und wir schlafen erstmal drüber!
