16.07.2026 Vom Bivacco Boarelli auf den Gipfel des Monviso und zum Rifugio Bagnour

Letzlich ist es halb sechs, als wir vom Bivacco loskommen. In der Morgendämmerung geht es zu der Stelle, an der Cilli gestern die Möglichkeit zur Wassernahme entdeckt hat. Ab da geht es über viel Block- und Schuttgelände immer weiter hoch. Statt 1,5 Stunden bis zum Schutzbiwak Andreotti brauchen wir 2 Stunden. Hier sind wir jetzt auf 3200m. Gut 600 Höhenmeter sind es jetzt noch bis zum Gipfel.

Wir gehen ungesichert, Sven steigt vor und sucht die geschicktesten Möglichkeiten. Der ganze Weg ist sehr gut mit gelben Strichen markiert. Manchmal  täuschen aber die gelben Flechten der Felsen etwas, gelegentlich müssen wir also etwas suchen. Viel langsamer als die geplanten 2 – 3 Stunden brauchen wir bis oben, ich muß in dieser großen Höhe schon manchmal kurz pausieren, Luft holen, trinken, ein paar Nüsse einwerfen. Cilli hingegen freut sich, dass sie so fit ist und das Klettern unkompliziert klappt!

Als dann die Ansage kommt: noch hundert Höhenmeter, freue ich mich. Wir schaffen das. Allerdings erst nach 11:30 Uhr kommen wir oben an. Ich bin trotzdem glücklich und auch ein Stück überwältigt, dass die lange Vorlaufplanung bis hierhin funktioniert hat: wir sind auf dem Monviso!!

Kurz geniessen wir die Aussicht, dann gehts an den langen Abstieg. Erschwert wird das durch mehrere Bergführer, die ihre Klienten am kurzen Seil nach unten bringen. An zwei Stellen seilt uns Sven aus Sicherheitsgründen ca. 12m ab, auch das kostet Zeit, die Bergführer motzen ein bisschen. Dazu kommt, dass sich der Himmel zuzieht, es sehr stürmisch wird, ein paar Regentropfen fallen, alle wollen schnell runter. Trotzdem gelingt mir selbst der Abstieg für mein eigenes Gefühl leichter, schneller und besser als der Aufstieg, selbst mit vorwärts spreizen komme ich über die meisten Stellen.

Weiter unten fällt uns dann Blut an den Felsen auf. Ich denke erst an Nasenbluten, bis ein Hubschrauber ungefähr bei dem Schutzbiwak versucht, einen Arzt abzusetzen. Die ganze Aktion wird dadurch erschwert, dass mittlerweile ein sehr, sehr starker Wind weht, der Helikopter mehrfach einen geeigneten Winkel für den Anflug finden muss. Was genau passiert ist, wissen wir nicht. Als wir aus den 500 Höhenmetern Kletterei draußen sind, ist es wieder das Schutt- und Blockgelände bis zu unserem Biwak, das wir zu bewältigen haben. Erst um ca. vier, viel später als geplant, kommen wir an unserm Biwak an, wir essen kurz etwas, nehmen unsere deponierten Sachen auf, müssen jetzt noch ca. 1000m tiefer. Auf dem gestern bei der Planung als vermeintlich besserer Weg vermutet, machen wir uns um kurz vor fünf Uhr auf. Jetzt folgt aber erstmal auf dieser Höhe mehr als 1,5 Stunden kraftraubendes Gehatsche über große Blöcke – bis es dann an einem weiteren Schutzbiwak endlich in den Abstieg geht.

Wir versuchen schon mal die Hütte telefonisch zu erreichen – klar, dass wir es bis zum regulären Abendessen nicht schaffen werden. Zunächst gibt es aber keinen Netzempfang. Für die Querung oben und den Abstieg nehme ich zur Entlastung der anderen auch nochmal das Seil, denn alle sind platt. An einer Stelle passe ich nicht auf, stürze und knalle voll mit dem Oberschenkel auf einen Stein, bleibe erstmal liegen, probiere ob etwas kaputt gegangen ist. Letzten Endes ist es dann nur eine Prellung und ein blau-gelb -grüner Fleck, das hätte das Ende unseres Urlaubs sein können. Wir alle sind sehr erleichtert! Als der Empfang mit der Hütte dann klappt, melden wir uns für ca. 20:30 Uhr an, kein Problem, sagt der Hüttenwart, wir kriegen auf jeden Fall noch etwas zu essen, egal, wann wir kommen!!!!

5 Kilometer vor der Hütte gebe ich das Seil an Sven weiter, er und Marek gehen schon mal vor. Letztlich wird es dann bei mir 21:30 Uhr, als ich zusammen mit Cilli an der Hütte ankomme.

15 Stunden in schwerem Gelände – nicht nur ich bin völlig platt. Aber es gibt noch ein 3 Gänge Menü auf der Hütte, niemandem ist etwas schlimmeres passiert, wir haben den Monviso „gemacht“! Etwas Glück spielt bei allem mit. Mit irgendwas zwischen völliger Kaputtheit, Erleichterung und auch etwas Freude falle ich -ungeduscht! – als Erster ins Bett, die anderen höre ich schon nicht mehr kommen!

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AutorIn
Günter Bergmann

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