Nachdem wir nach endlosen Versuchen niemand auf der Alpe Toglie, unserem ursprünglichen Ziel, erreichen konnten, hat Cilli den Weg umgeplant und uns, auch in Ermangelung von Alternativen, in der CAI Hütte Toesca im Parco Orsiera Rocciavrè angemeldet. Um dorthin zu kommen, müssen wir aber nicht nur runter nach Susa, sondern auch ca.10 Kilometer weiter nach Osten das Susatal durchqueren bis zum kleinen Ort Mattie auf der anderen Talseite, in dem der Aufstieg zur Hütte beginnt. Öffentlicher Nahverkehr hierhin ist nur selten am Tag möglich, mehrere Schnellstrassen müssten überwunden werden – die Entscheidung zu einem Taxi ist naheliegend, später goldrichtig!

Entspannt sitzen wir also beim Frühstück, pünktlich um acht kommt das Taxi. Endlos geht es erstmal 20min ins Tal runter, dauernd muss die Fahrerin zurücksetzen und Entgegenkommenden im Aufstieg ausweichen. Dann geht es nochmal 20min quer durchs Tal bis Mattie. Direkt am Zustieg zum Wanderweg steigen wir um 9:20 Uhr bei gefühlt bereits 35°Celsius aus, etwa 1000m Aufstieg liegen vor uns. Das wird also ein echt entspannter Tag, mittags werden wir schon an der Hütte sein! Überall im Susatal sieht man übrigens die NO TAV Transparente und gesprühte Parolen. Auch mit der Fahrerin reden wir kurz darüber. Mehr dazu für Interessierte unten in der Hintergrundinfo.
In Matti füllen wir unsere Flaschen nochmal am Brunnen, streicheln kurz die zwei Border Collies einer alten Frau – und steigen dann in einen Hohlweg ein, rein in die Natur. Zunächst führt uns eine Art Mulatteria erst unter Kastanien, dann ein steiler Waldweg weiter oben unter Buchen, schließlich Almwege unter altem Lärchenwald, aber immer schön im Schatten immer höher. Neben dem Weg weiter oben rauscht parallel ein schneller Bach nach unten, der auch, wie die Saonen in der Schweiz, teilweise geführt wird. So entwickelt sich der Weg von unten anstrengend nach oben wirklich schön auf weichem Nadelboden.
An einer Käsealpe halten wir kurz, wollen vor allem wegen des Erlebnisses Käse kaufen. Ein älterer hagerer Mann begrüßt uns freundlich, führt uns in sein Käsereich. Leider habe ich ihn selbst nicht nach seinem Namen gefragt – aber der kleine Hütehund heißt Leica. Bei der Frage nach dem Woher, Wohin nickt er sehr anerkennend. Zu einem an der Hauswand im Schatten dösenden größeren Hund meint er nur: „Nato stanco“, also müde geboren. Das will ich mir merken, falls ich wieder mal auf entsprechende Mitmenschen stoße. Eine nette Episode. Wir gehen heute schnell und überholen noch ein paar Tagesausflügler. NO TAV begegnet uns hier auch auf den Wanderzeichen.
An der Hütte Toesca angekommen (es ist grade Mittagsessenzeit), fragt uns ein Junge vom Personal, ob wir auch ein Pranzo wollen. Na klar, wir wollen. Mit Blick auf unseren gestrigen Abstieg von der steilen Pyramide des Rocciamelone sitzen wir im Schatten und genießen ein Bier, Gnocchi, Salami und Käse. Mensch, ist das schön! Später wollen wir auf unser Zimmer und Duschen, da lassen sie uns noch nicht in die Hütte. Tatsächlich haben wir noch nie die Erfahrung einer so frühen Ankunft an einer Hütte gemacht, kennen die Gepflogenheiten nicht. Zwischen Pranzo und Abendessen ist Freizeit für die Menschen, die die Hütte betreiben. Sie weisen uns aber auf ein paar Hängematten hin, die oberhalb eines Eselpferchs zwischen den Lärchen aufgespannt sind. Als zwei frei werden, flezen wir uns da rein, Cilli leiht mir kurz ihr InEar Gerät: Pat Metheny in der Sonne, leicht schaukelnd auf 1750m Höhe. Auch so kann Berg sein, die Strapaze der letzten 3 Tage war vielleicht auch nötig, um das jetzt genießen zu können?
Beim Abendessen kommen wir näher mit einem GTA Wanderer ins Gespräch. Wir haben ihn bereits im Aufstieg getroffen, er ist zunächst ein paar Tage alleine unterwegs, trifft dann Freunde, mit denen er fast jedes Jahr auf den GTA Strecken unterwegs ist.
Später stellt sich überraschend heraus, daß wir beide vor über 40 Jahren ein Stückchen gemeinsame Geschichte in der damaligen Selbstverwaltungsszene hatten – kleine Welt zwischen hohen Bergen! Außerdem schenkt er mir noch seine Sonnenbrille. Er hat sie selbst mal gefunden und nutzt sie eigentlich nie, da er zu wenig dadurch sieht, ich kann also den gestrigen Verlust schnell ausgleichen, Herzlichen Dank!
Ein echt entspannter schöner Tag!

Mehr zu NO TAV:
Seit Jahrzehnten wird der Bau der Hochgeschwindigkeitsstrecke Turin–Lyon (TAV) kontrovers diskutiert. Besonders die norditalienische No-TAV-Bewegung lehnt das Projekt ab und steht den Befürwortern unversöhnlich gegenüber. Trotz jahrelanger Proteste und Verzögerungen beschlossen Frankreich und Italien 2015, das Vorhaben fortzusetzen. Die rund 271 km lange Strecke umfasst einen 57,5 km langen Basistunnel durch den Mont Cenis.
Die No-TAV-Bewegung kritisiert vor allem die hohen Kosten, den aus ihrer Sicht geringen verkehrlichen Nutzen sowie mögliche Umwelt- und Gesundheitsrisiken. Gegner verweisen darauf, dass der Verkehr auf der bestehenden Strecke seit Jahren rückläufig sei und die aktuelle Verbindung nicht ausgelastet werde. Zudem bezweifeln sie die wirtschaftliche Rentabilität des Projekts und sehen darin vor allem ein Investitionsobjekt für finanzielle Interessen.
Weitere Kritikpunkte betreffen mögliche Asbest- und Uranvorkommen im Gestein, Eingriffe in das Grundwasser sowie negative Auswirkungen auf Landwirtschaft und Umwelt. Seit 2005 organisiert die Bewegung regelmäßig Großdemonstrationen mit teilweise 50.000 Teilnehmenden. Aus ihrer Sicht wäre die Modernisierung der bestehenden Bahnstrecke kostengünstiger und ausreichend, um mehr Güterverkehr von der Straße auf die Schiene zu verlagern.
Wir glauben, dass es hier um finanzielle Interessen geht. Die Banken sind daran interessiert, Kredite an die Staaten zu vergeben, die sich verschulden, um große Projekte durchzuführen. Der Anreiz für Projekte dieser Größenordnung liegt in der Möglichkeit, ungeheuer viel öffentliches Geld, also das der Bürger, in wenigen Händen zu konzentrieren. Solche Projekte dienen nur der Finanzspekulation. No TAV.
Stuttgart 21 lässt grüßen!
