Heute geht es weiter Richtung Meer, zunächst durch einen unnatürlich stillen Wald, viele hohe Kiefern, aber auch viel Windbruch, viele umgestürzte Bäume. Eine Weile geht es entspannt auf der Höhenlinie, dann später etwas ansteigend dahin.
Auf dem Wanderweg, den wir uns ausgesucht haben, gelangen wir bald am höchsten Punkt auf einen Grat. Betrachtet man alle die steilen grünen Bergflanken, dann wird schnell klar, die An-und Zuwege gehen über die Grate, die sind etwas weniger steil als die Flanken.
Wir beginnen also mit dem Abstieg – insgesamt etwa 1000 Höhenmeter – über den Grat runter nach Rocchetta Nervina. Die Hitze ist bereits unerträglich, die Landschaft ist die eines mediterranen Küstengebiets: steil, nicht leicht zu gehen, macchiaartig, sandig und schuttig auf Felsen. Man muss einerseits genau schauen, wohin man tritt, um nicht wegzurutschen, andererseits darauf achten, nicht in den Ästen und Zweigen hängen zu bleiben – alles in allem ein Schlauch, wie wir ihn uns nicht vorgestellt haben. Absolute Stille bis auf die Zikaden, kein Wasserlauf ist zu hören, der Fluss, an dem wir langgehen, ist ausgetrocknet.
Bald formt sich ein Gedanke im Kopf – heute bis Nervina und auch morgen noch – nochmal tiefer, noch heißer, mehr Enge im Tal, mehr Verkehr – so weiterlaufen?
Die Idee, direkt vom Berg ans Meer zu gehen, zerplatzt bei uns beiden ziemlich gleichzeitig: nicht nochmal so eine Strapaze! Bei einer Nusspause sind wir uns schnell einig – in Nervina ist Schluß! Strenggenommen kommen wir also nicht zu Fuß bis Ventimiglia. Tiefer als auf die Höhe von Rocchetta Nervina, also 200m, wollen wir bei dieser Hitze zu Fuß nicht runter. Kurz an den Gedanken gewöhnen, wirken lassen – dann steht der Entschluss. Das sind also die letzten Wanderkilometer unserer Alpenüberquerung! Es gibt keinen „Zieleinlauf“, nach dem wir danach ins Meer platschen! Da haben wir schon in der Planung etwas zu wenig nachgedacht oder auch zu wenig Vorstellung über die reale Situation der Ligurischen Alpen in Küstennähe gehabt. Nichtsdestotrotz, auch die folgenden 2,5 Stunden müssen noch aufmerksam und sicher abgestiegen werden.
Schließlich hören wir auch, dass Wasser aus einem Seitenbach in die Roya fließt, Cilli ist erleichtert. Nervina ist nicht mehr weit.
Um ca. 14:00 Uhr kommen wir an – schweißnass, klebend und voller abgebrochener Ästchen. Der Tourismus der Küste schwappt auch bis hierhin – ein weiterer „Kultur“schock und wir wissen, unsere Tour ist hier zu Ende. In einer der gut besuchen Bars essen wir etwas. Ein Kellner fragt uns, ob wir AirCondition unter unsere ansonsten offenen Sonnenschirme geblasen haben wollen. Ein Unding – es ist so heiß, dass ein strombetriebenes Kühlaggregat angeschmissen werden soll. Weiter oben in den Bergen würde niemand auf eine so abstruse Idee kommen. Ich bin stinksauer, als ein Typ einen Tisch weiter meint, er hätte das gerne, der Kellner dem auch folgt. Es gibt einfach Leute die meinen, die Welt gehört ihnen, ist dazu da, von ihnen konsumiert zu werden – ohne jeden Respekt oder Verantwortung. Hauptsache beim mittäglichen Schlürfen des ersten Caipirinhas ist es schön kühl! Mir fehlen tatsächlich im engsten Sinne die Worte, um mich auf die nötige Auseinandersetzung einzulassen, ich schlucke meinen Ärger herunter. Wir haben noch etwas Zeit bis unsere Unterkunft öffnet, wir nutzen die Zeit, die gepriesenen Badestellen im Fluss zu besuchen.
Natürlich kein Vergleich zu den kalten Bergbächen – bei der Hitze aber besser als nichts. Ansonsten ist Nervina ein schönes mittelalterliches Dörfchen, nach dem Duschen suchen wir uns das richtige Restaurant aus – alles ist gut! Die Wanderung ist zu Ende, uns ist nichts – trotz vieler entsprechender Situationen – passiert, fast alles, was wir uns vorgenommen hatten, hat geklappt!
Erstmal im Glück!
