Wir starten wieder früh, Weggehen von der Hütte um 7:30 Uhr. Der Übergang von der Refuge de Nice ist abwechslungsreich. Verschiedene Höhenstufen, teils immer noch mit einem Zelt von SpätaufsteherInnen belegt, dann geht es zum Schluß sehr steil, man muss teils die Hände dazunehmen, zum Pass. Hier stärken wir uns angesichts des Berges gegenüber, auf dessen Gipfel wir heute hinauf wollen: den Mont Bégo.
Sein Name bedeutet wahrscheinlich „göttlicher Berg“. Schon in der Bronzezeit galt er als heiliger Ort. In seiner Umgebung befinden sich tausende Felszeichnungen, die auf religiöse und kulturelle Bedeutung hinweisen (Vallée des Merveilles/ Tal der Wunder und Fontanalbe). Daher wird der Mont Bégo als wichtige prähistorische Kultstätte angesehen.
Der Abstieg drüben zieht sich, ist aber nicht allzu schwer. Irgendwo hören wir es gluckern und füllen angesichts der Steinwüsten vor uns nochmal unsere Flaschen. Unten am Lac du Basto machen wir an einer günstigen Stelle (wir kommen hier nach dem Aufstieg zum Gipfel wieder vorbei) ein Depot für unsere schweren Rucksäcke. Nur mit Wasser, etwas zu essen, dem Anorak und unseren Dokumenten steigen wir weiter hoch. Am Pass oben teilt sich der Weg, ab hier haben wir noch ca. 350 Höhenmeter vor uns. Für mich spannend ist, was das Wetter macht, schwarze Wolken ziehen auf. Mit über 2800m Höhe ist das unser letzter Tag im Hohen Gebirge. Der Bégo ist auch bekannt dafür, dass gerne mal ein Wetter an ihm hängenbleibt. Auch deswegen war er in viel früheren Zeiten auch ein heiliger, ehrfurchtsgebietender Berg.
Teilweise sehr ausgesetzte Passagen führen durch die Flanken des Berges, nicht immer ist die Route gleich klar. Aber alles läuft gut, um halb eins sind wir am Gipfel, sehr genau von den Steinböcken beobachtet.
Um unser Glück nicht herauszufordern, machen wir keine lange Gipfelpause.

Hochkonzentriert gehen wir den schwierigen Weg wieder herunter zu unseren Rucksäcken, die unversehrt zwischen den großen Felsblöcken liegen geblieben sind.
Ab hier haben wir jetzt noch den Aufstieg über einen Höhenrücken von ca. 200m vor uns, das läuft aber, nochmal gestärkt von ein paar Nüssen und den Resten unseres Picknicks, sehr gut.
Oben erwartet uns eine von rund geschliffenen Felsen durchsetze Hochfläche. Ein Wegweiser zeigt uns noch 1,5 Stunden an – die Zeiten hier auf den Schildern sind wohl für Läufer gemacht. Aber immerhin führt uns der Weg herunter aus der Steinwüste in das Grün der Lärchen, unten sieht man einen See, an dem sich auch ein paar Leute aufhalten.

Noch etwas später sagt uns ein unmissverständlicher Pfosten mit einem Schild, dass der Weiterweg hier wegen Steinschlags gesperrt ist.
Wir sind schon etwas kaputt, sehen auf der Karte, daß die Alternative nochmal 3 Kilometer länger wäre. Wir kalkulieren zusammen das Risiko: heute ist ein trockener Tag gewesen, überraschende Abgänge scheinen unwahrscheinlich. Außerdem ist immer noch ein Streifen Schutzwald oberhalb von uns – wir riskieren es, immer mit einem Ohr und Auge nach oben. Auf dem breiten, ehemals Fahrweg sehen wir dann schon öfter mal wirklich fette Brocken Fels auf dem Weg, einige Baumspitzen sind umgeknickt oder weggefegt. Der Berg bleibt ruhig! Nichts passiert!
Auf der einfachen Hütte Fontanalba zeigt uns eine der Frauen unser Lager für zwei Tage – eine Art Hochbett, mit einer stabilen komfortablen Leiter. Sinnigerweise im Dortoir „Bego“. Wir duschen, waschen schon mal etwas Wäsche und schauen Blitzen zu, der Donner rollt. Erst jetzt!
Beim Abendessen sitzen wir zusammen mit Vater und Tochter aus Amsterdam und einem Forstwirstschaftsstudenten aus Kanada. Das Menü: Erbsensuppe, Linsen mit Würstchen, zum Abschluss für alle ein Stück Käse mit Brot. Dann gibt es doch noch etwas süßes Karamelartiges. Nach diesem harten Tag genehmigen wir uns draußen vor der Hütte noch einen Genepy. 21:15 Uhr ist für mich Schicht!
