Den Ort Didiero verlassen wir – begleitet von etlichen Murales (hier war Ende der 90 er ein Woodstock ähnliches Musikereignis, worauf sich die Wandbilder beziehen), ziehen erst hinunter zu einem Bach, dann ein paar hundert Meter hoch durch einen schönen steilen Wald. Nach einer kleinen Passhöhe steigen wir zunächst ab nach Rodoretto. Unterwegs begleiten uns unzählige Schmetterlinge. Hier wollen wir den einzigen unzerstörten Tempel der Waldenser besichtigen. Als Tempel bezeichnen die Waldenser ihre Kirchen (mehr zu den Waldensern für Interessierte am Ende). Leider ist grade keine Besuchszeit, aber immerhin zeigt uns ein freundlicher älterer Herr die Backstube direkt nebendran, hier wurden früher einmal die Woche die Brote für den ganzen Ort gebacken, 36 pro Woche. Heute sind es 36 einmal im Jahr. Den okzitanischen Spruch an der Wand erklärt er uns, er bedeutet sinngemäß „Worte vergehen, Werke bleiben“.
Wenig später landen wir in der Mittagshitze bereits in Prali, trinken an unserem Hotel in der Ortsmitte erstmal ein kleines Anlegerbier. Das Zimmer ist sehr modern, die Dusche willkommen. Unsere Begleiter für den nächsten Streckenabschnitt Richtung Monviso, Sven und Marek, melden sich auch bereits, sie meinen um 18.00Uhr einzutreffen, mit den Zügen aus Mannheim hat alles geklappt! Dann jedoch etwas später die nächste Meldung, sie hängen in der Auffahrt nach Prali ca. 12 Kilometer vor dem Ort fest, kein Bus, kaum Autos die nach oben fahren. Ich bespreche mit der Wirtin unten an der Bar das Problem, kann sie schließlich davon überzeugen, mit mir runterzufahren und die beiden einzusammeln. Um halb acht sind wir dann endlich vereint, alle geduscht, und um ca. 20:30 Uhr bereit, essen zu gehen. Klar ist jetzt schon, der Tag morgen ist dann in seiner Länge kaum möglich. Wir beschließen, den Tipp unserer sehr freundlichen und hilfsbereiten Wirtin anzunehmen und die ersten ca. 500 Höhenmeter morgen mit der Seilbahn abzukürzen. Dazu muss Cilli die Strecke etwas verändern, aber es geht. Jetzt erstmal ankommen, etwas essen, schlafen.
Für Interessierte:
Die Waldenser
Die Waldenserbewegung entstand lange vor Luther, also als eine vorreformatorische Bewegung. Ca. 1170 entschloss sich der reiche Lyoner Kaufmann Valdes (auch: Petrus Valdes) nach einer religiösen Erweckung, arm, wanderpredigend und bibelorientiert zu leben. Er verschenkte konsequent seinen Besitz. Spätere zentralen Anliegen der Bewegung: Bibelübersetzung in die Volkssprache, Laienpredigt (auch durch Frauen), radikale Nachfolge Christi, Ablehnung von Reichtum und Macht der Kirche. Mit diesen Ideen kamen Valdes und seine Jünger schnell in Konflikt mit der römischen Kirche. 1184 wurden die Waldenser exkommuniziert. Über Jahrhunderte wurden die Waldenser als Ketzer verfolgt: Inquisition, Vertreibungen und Massaker (z. B. 1655 in den piemontesischen Tälern). Um zu überleben zogen sie sich in die westalpinen Täler Piemonts zurück (v. a. Val Pellice, Val Germanasca, Val Chisone). Dort entstand eine stark gemeinschaftlich geprägte, widerstandsfähige Minderheitenkultur.
Ein entscheidender Wendepunkt war im Jahr 1532 die Synode von Chanforan, sie markierte den offiziellen Anschluss an die reformierte (calvinistische) Reformation. Die Folgen: klare reformierte Theologie (sola scriptura, sola fide), Ausbildung von Pastoren, Anschluss an das europäische Protestantennetzwerk (Schweiz, Frankreich). Damit wurden die Waldenser zur ersten dauerhaft bestehenden protestantischen Kirche Italiens.
Nach erneuter Vertreibung (1686) lebten viele Waldenser im Exil in der Schweiz. 1689 kehrten etwa 900 bewaffnete Waldenser unter Henri Arnaud über die Alpen zurück. Diese „Glorreiche Rückkehr“ (Glorieuse Rentrée) wurde, weil militärisch erfolgreichauch religiös-symbolisch bedeutsam, wurde ein identitätsstiftender Mythos der Waldenser. Sie ist ein Synonym für Glaubenstreue, Widerstand und das Recht auf religiöse Selbstbestimmung
Obwohl der Herzog von Savoyen den Waldensern ihre Religionsfreiheit zunächst wieder zugestand, mussten auf Druck Frankreichs ab 1698 alle in Frankreich geborenen Evangelischen das Land verlassen. So ging Arnaud 1698 zusammen mit rund 2.700 französischen Waldensern erneut ins Exil, diesmal endgültig nach Deutschland. Württemberg wurde die letzte Station in Arnauds Leben. Hier wirkte er als Pfarrer in Dürrmenz, das heute zu Mühlacker im Nordwesten Baden-Württembergs gehört. Die Waldenserfamilien lebten seit Ende des 17. Jahrhunderts in Württemberg und Südhessen in Kolonien, von Integration keine Spur, sie lebten ihre eigene Sprache und Religion sowie ihr Rechtssystem, faktisch so, wie sie es auch zuhause taten. Erst 1823 wurden sie in die evangelische Landeskirche aufgenommen. Die Waldenser brachten den Maulbeerbaum für die Seidenproduktion nach Württemberg. Arnaud soll der Legende zufolge hier auch die Kartoffel eingeführt haben.
Auch in Italien blieben die Waldenser im 19.Jahrhundert ein protestantischer Sonderfall: eine kleine Minderheit, stark bildungsorientiert, politisch liberal und sozial engagiert. Der Ort Torre Pellice wurde das Zentrum des italienischen Protestantismus.
Aus dieser Geschichte heraus spielten die Waldenser eine überproportional große Rolle im antifaschistischen Widerstand. Sie lehnten Faschismus, Nationalsozialismus und Antisemitismus klar ab. Sie unterstützen die Partisanen, versteckten Juden und andere Verfolgte. Dabei war ihr Widerstand gegen totalitäre Ideologien theologisch begründet.
„Es gibt unter Umständen eine nicht nur erlaubte, sondern göttlich geforderte Resistenz gegen die politische Macht, eine Resistenz, bei der es unter Umständen auch darum gehen kann, Gewalt gegen Gewalt zu setzen. Anders kann ja der Widerstand gegen die Tyrannei, die Verhinderung des Vergießens unschuldigen Blutes vielleicht nicht durchgeführt werden“ (Zitat Karl Barth, 1938)
Ihre Geschichte machte sie also zu natürlichen Gegnern der Nazis. Sie hatten Erfahrung mit Verfolgung, betonten ihre Gewissensfreiheit, lehnten absolute Autorität ab. Viele Waldenser Pfarrer waren deswegen im Widerstand aktiv.
Heute stehen die Waldenser für Ökumene, soziale Gerechtigkeit, Menschenrechte, progressive Theologie. 2015 bat Papst Franziskus öffentlich die Waldenser um Vergebung gebeten für die jahrhundertelange Verfolgung.
