11.07.2026 Vom Lago Laux nach Balsaglia bzw. Didiero

Die freundliche Wirtin im Hotel am Lago Laux macht uns sogar um 6 schon Frühstück. Denn schon ab 11 Uhr besteht eine ziemlich große Gewitterwahrscheinlichkeit. Und wir müssen zum Col Dell‘ Albergian auf 2708. Angegeben sind für die 1345 Höhenmeter über 4 Stunden, ein Wettlauf, das Wetter soll uns nicht schon im Aufstieg erwischen, drüben ist der Abstieg genauso lange. Wir also los, in Laux gibt es die ersten Murales zu fotografieren. Bald haben wir einen konstanten Schritt gefunden. Es ist gut, dass der Weg kontinuierlich ansteigt, ohne große Stufen, anfänglich durch ein Murmeltierparadies.
In einem sehr harten Winter sollen hier fast 80 Waldenserkinder auf der Flucht vor katholischen  Soldaten erfroren sein. Als gruselige Erinnerung daran ist der Wald mit lauter eingeschnitzten Gesichtern versehen, ein Hexenwald!

Nach 3:40 Stunden kommen wir oben an – von Gewitter hier allerdings noch keine Spur.

Nach nur kurzer Rast geht es in den langen Abstieg, Blick immer auch mal nach oben. Ein paar Mountainbiker kommen uns entgegen, auch ein Velostosser ohne Batterie. Vor allem kreisen aber über uns Horden von Geiern. Ein einsames schönes Muli steht mutterseelenallein auf einer Ebene. Im weiteren Abstieg begleitet uns ein imposanter Wasserfall, wir passieren noch eine Schaf- und mehrere Kuhherden.

Tiefer kommend gibt es ein merkwürdiges Schauspiel: die Geier kommen mit runter! 10-15 Tiere fliegen zusammen in tiefere Höhen und nehmend in den Bäumen Platz. Schutz vor dem drohenden Gewitter? Eine Flugschule? Wir wissen es nicht.

Der Abstieg nach Balsaglia wird dann etwas zäher. Bei diesem Ort haben sich 1689 ein paar hundert Waldenser einen Sommer und einen Winter lang gegen eine Übermacht von über 4000 Franzosen verteidigt. Als dann garnichts mehr ging, gelang es bei Nacht und Nebel, über steile Wände am Feind vorbeizuschleichen. Tatsächlich wurden zwei Tage später durch einen weiteren Kriegseintritt die Religion der Waldesianer erstmal erlaubt, die Soldaten gerettet.
In Balsaglia angekommen wollen wir noch schnell das örtliche Museum zu dem Thema besichtigen, das ist aber leider geschlossen. Da wir hier im Posto Tappa nicht übernachten wollen (es gibt nichts zu essen!!) rufen wir Pierluigi aus Didiero an, uns abzuholen. Er kommt extra 8 Kilometer über eine kleine Teerstraße gefahren, um uns in sein Agriturismo La Miando mitzunehmen. Als wir bei ihm ins Auto einsteigen, bricht der Regen und das Gewitter heftig los. Bei ihm angekommen sitzen wir unter einem Vordach, blicken in seinen Garten und auf einen schönen Nussbaum, trinken ein Bier, essen Chips. Während wir dann in unserm Zimmer sind und als wir zum Abendessen runter wollen – plötzlich Aufregung: aus der Luft ein Hubschrauber, über die kleine Strasse ein Rettungswagen mit Blaulicht. Die paar Leute, die hier leben laufen verstört zusammen. Später kommt raus, Pierluigis Tochter ist von einer wilden Biene in die Lippe gestochen worden, hatte einen sehr heftigen anaphylaktischen Schock. Alles ging gut aus, sie konnte nach einer raschen Spritze mit dem Rettungswagen zur weiteren Beobachtung ins Krankenhaus weiter unten gebracht werden.

Beim Abendessen sitzen wir dann mit einem netten französischen Paar aus der Nähe von Grenoble zusammen, sie ist Grundschullehrerin (wenn ich das richtig verstanden habe), er ein mittlerweile pensionierter Elektroingenieur und begeisterter Kletterer uns Skitourengeher. Sofort sind wir uns in vielem einig: dass man die Klimakrise in den Bergen am deutlichsten sieht. Und warum, obwohl soviele Menschen die Berge lieben, zu Hause und im Alltag dann doch nichts passiert?

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AutorIn
Günter Bergmann

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