Für heute morgen starten wir ungewohnt. Um die Wegstrecke praktikabel zu machen, steigen wir auf dem Bahnhof von Tende um 7:50 Uhr in die Tendabahn und fahren eine Station bis La Brigue. Wir wollen hier auf dem Weg eine Kapelle mit mittelalterlichen Fresken besichtigen, sie wird als de Sixtinische Kapelle der Alpen bezeichnet. Vom feldartigen Bahngleis gehen wir an die Strasse, halten mal den Daumen raus. Es ist noch nicht halb neun, praktisch kein Verkehr. Das zweite Auto hält, ein junger netter Typ meint, klar kann er uns Richtung der Kapelle mitnehmen. Wir schwätzen ein bisschen, wo wir herkommen, was wir vorhaben, er ist beeindruckt und fährt uns am Ende die 4 bis 5 Kilometer die Stichstrasse bis zur Kapelle! Merci Beaucoup!!
Leider stellt sich sofort heraus, daß der erste Besichtigungstermin um 10 Uhr sein könnte. Cilli protestiert! Anderthalb Stunden warten? Und mittags sind Gewitter gemeldet, über 16 Kilometer schweißtreibende Wanderung liegen vor uns. Alla hopp, dann muß uns ein Link im Internet zeigen, wie es innen in der Kapelle aussieht.
Im stillen Kapellengarten essen wir schonmal einen Teil des gestern in Tende gekauften Proviants, Kaffee gibts eben leider keinen! Am Rand des Klostergartens gibt es auch einen Hinweis: mit La Brigue sind wir im Land der Briganteser angekommen, einer speziellen gewachsen Kultur in dieser Gegend zwischen Berg und Meer. Auf dem Plakat steht u.a.
„Die Region Brigasque bildet ein einzigartiges geografisches, kulturelles und sprachliches Ganzes. Als Grenzgebiet und Weidelandschaft hat sie über die Jahrhunderte hinweg einen starken Zusammenhalt rund um ihre Traditionen und ihre Sprache bewahrt, die von den Regionen Ligurien und Piemont als eigenständige Minderheitensprache anerkannt wird, die enge Verbindungen zum Okzitanischen aufweist.“
Ein bisschen erinnert die Schrift auch an Ladinisch?
Wir starten in den Aufstieg, es ist jetzt schon sehr heiß. Am Anfang wird der Weg hier unten auch von ein paar crazy Offroad Motorradfahrern genutzt, die uns einstauben. Bald aber steigen wir über ein leeres Flussbett, verschwinden im Wald, gegenüber führt ein kleiner, extrem steiler Weg immer weiter hoch, bald sind 500 Höhenmeter geschafft – und wir klatschnass. Es wird auch zusehends schwüler. Ein besonderes Highlight sind die Fliegen und Mücken, die uns in dieser Gewitterschwüle mit Kühen zu verwechseln scheinen. Die Kunst, genug Luft zu bekommen, ohne die Viecher einzuatmen! Noch 400 Höhenmeter bis zum höchsten Punkt! Weiter oben eine Art Hochebene mit vielen Rindern und Kälbern, Grenze zwischen Frankreich und Italien. Einige Touristen sind auch mit ihren PKWs über Schotterwege hier oben gelandet, picknicken noch zwischen den Bäumen. Dann zuckt der erste Blitz, ich zähle noch, wie weit das Gewitter weg ist, doch unmittelbar folgt der Donner: wir sind mittendrin.
Jetzt geht es nur noch darum, einen möglichst sicheren Platz zu finden. Zwischen ein paar Bäumen setzen wir uns auf unsere eingepackten Rucksäcke, ziehen die Regenhosen an, einen Poncho aus Plastik über uns. Kaum sind wir fertig, bricht der Regen los. Der Regen, der Hagel, der Wind. Leider haben wir es wieder versäumt, uns vorher darunter auch warm anzuziehen – nach einer Dreiviertelstunde, als das Gewitter nachlässt, ist es einfach arschkalt und wir ziemlich durchgefroren. Anfängerfehler! Später dann wollen wir nur schnell loslaufen, um wieder warm zu werden, stoppen nochmal, wechseln die Wäsche, ziehen ein Vlies an – es sind noch über eineinhalb Stunden bis zur Hütte. Lavendelduft begleitet uns.
Als wir dann dort im Sonntagsnachmittagstrubel ankommen, ist es uns allerdings fast schon wieder warm! Duschen, mit einem Cappuccino und leckerem Kuchen das vorhandene WIFI ausgenutzt, schon mal ein bisschen den Blog weiterschreiben. Cilli findet die Beschreibung eines sehr spannenden Weges, den wir als alternative Teilstrecke morgen nehmen wollen!
Und um halb acht gibt es ein super Essen in dieser gut geführten Hütte des italienischen Alpenvereins CAI! Für uns und noch vier ältere Locals mit ihren E-mountainbikes.
