Nach der Verabschiedung von unserem Wirt verlassen wir Pontebernardo und die stark befahrene Autopassstrasse über den Bach rüber und dann steil den Wald hoch. Oben treffen wir auf eine kleine geteerte Strasse, lediglich ein einsamer Moutainbiker kommt uns in der nächsten halben Stunde entgegen. An einem rauschenden Bach verlassen wir die Hangstrasse und beginnen den Aufstieg zum nächsten Pass. Der Weg zieht weit in das Tal hinein, eigentlich ist es eine Mulatteria, die sich hier gemütlich nach oben zieht. Deswegen überholen wir wohl auch verschiedene ältere Ehepaare, die diesen einfacheren Aufstieg nutzen, allerdings sind hier auch mehrere Steinlawinen runtergekommen, der Weg ist schon wieder instandgesetzt. An einem besondere Baum machen wir eine Pause, essen mal wieder unser Sandwich, diesmal „con tutti“ Käse, Schinken UND Salami. Der Baum ist eine 600Jahre alte Zirbe. Sie ist also so alt, dass die Weißen noch garnicht wussten, daß es ein Amerika zum Unterwerfen gäbe.
Kurz nach der Pause und etwa 200 Höhenmeter weiter biegen wir ab zu unserem Pass. Dabei kommen wir an einer kleinen CAI Hütte, der Zanottihütte vorbei. Zunächst scheint sie leer und unbewirtschaftet, dann ruft es jedoch von hinten. Bei einem rüstigen älteren Typ fragen wir, ob wir einen Café und ein Lemonsoda bekommen können. Schnell kommen wir ins Gespräch, Gianfranco kümmert sich seit über zwanzig Jahren um die eigentlich unbewirtschaftetete Hütte, hält die Wege in Stand, verbohrt Kletterrouten. Er lebt in Genua als Artist. Erst denke ich Akrobat, dann stellt sich raus Artist am Bau, er ist 71jähriger Fassadenkletterer, repariert in einem 3er Team Dächer, Regenrinnen, Fassaden und alles, was so anfällt, denn in den oft engen Gassen von Genuas Altstadt lohnt oft kein Gerüst oder passt auch kein Leiterwagen rein.
Mein Vorname kommt ihm für einen Italiener flüssig über die Lippen, Günter hieß auch der verstorbene Bruder von Reinhold Messner, der ist für ihn immer noch der weltbeste Bergsteiger. Wir hätten noch länger quatschen können – wir müssen aber aber noch einen Pass! Ciao Gianfranco!

Drüben auf der anderen Seite liegt das bewirtschaftete CAI Refugio Migliorero. Bereits von der Passhöhe auf 2600m sehen wir unten auf einem Hügel das mehrgeschossige Gebäude aus den 30er Jahren liegen. 1934 wurde es als elegantes Berghotel erbaut, im 2. Weltkrieg schwer beschädigt, verfiel zunehmend. In den 60er Jahren hat die Provinz Cuneo restauriert und einer Sektion des italienischen Alpenvereins CAI übergeben, der es als Rifugio führt.
Mit dem See daneben wirkt die Szenerie fast wie Gebäude irgendwo in Schottland.
80 Personen könnten an diesem Abend hier übernachten. Abends sind wir lediglich zu fünft! Noch zwei Italiener, einer aus der Nähe von Susa, ein Guide, der sich auf Ligurien spezialisiert hat. Und ein Schweizer aus der Nähe von Basel. Wir werden am nächsten Tag hierbleiben, diesen Ruhetag hatten wir bereits länger eingeplant.
