Der nächste Tag mit dem Blick aus dem Fenster beginnt mit einer Überraschung: abgeschirmt durch die Lautstärke und die für Menschen nicht zu begehende Seite tummelt sich auf der anderen Flussseite eine Herde von 16 Gämsen. Je nach Status werden die besten Hälmchen verteilt oder verteidigt.

Für uns ist klar: nach dem Frühstück müssen wir zum Einstieg in unseren Wanderweg Richtung des besonders bei kletterbegeisterten Menschen berühmten Argenteramassivs zunächst eine kleine Teerstrasse nehmen, die ca. 6 Kilometer aus dem Tal hochführt. Wir vertrauen auf unser Glück beim Trampen. Allerdings fährt kaum ein Auto. Nach einer Viertelstunde dürfen wir bei einem holländischen Ehepaar einsteigen, die uns mit ihrem hochrädrigen schicken Geländewagen bis zu unserem Einstig mitnehmen, Danke dafür!
Ab hier steigen wir auf einem gut angelegten Wanderweg zunächst steil im Wald zu unserm Zwischenziel, dem Refugio Bozano, auf. Dabei klemmen wir uns an ein italienisches Ehepaar, die gut gehen und uns mit ihrem kleinen Rucksack ein gutes Tempo vorgeben. Wir sind mittlerweile sehr gut eingelaufen, ohne viel Anstrengung kommen wir schnell höher.
Das Refugio Bozano ist eigentlich eine Kletterhütte – oder für die, die mal den Kletternden zuschauen wollen. Vor allem am Corno Stella kann man Seilschaften über mehreren hundert Metern Abgründen verfolgen, ihre lauten Kommandos verraten, wo sie in der Wand zu finden sind und was als nächstes kommt. Empfangen werden wir – wie sollte es anders in dieser Region sein – von Steinböcken mit ihren Jungen, die sich unerschrocken in der Nähe des Brunnens tummeln.
Steinböcke werden wir in den nächsten Tagen wohl einige sehen, denn nachdem sie im 18.–19. Jahrhundert durch die Jagd fast ausgerottet waren, haben die Savoyer Könige Teile der Alpen zur königlichen Jagdreserve erklärt, die Jagd war streng kontrolliert oder verboten. Dadurch überlebten die letzten Steinböcke überhaupt in dieser Region (zusammen mit dem Gran Paradiso National Park) und wurden in den 1920er und 30er Jahren gezielt wieder angesiedelt.
Nicht nur für die, die von den Kletterwänden zurückkommen, sind 2 Badewannen als Abkühlung direkt bei der Hütte ebenerdig ins Gras eingelassen. Auch eine – wie ich finde – tolle Erfindung (die es verdient hätte, überall in Italien Verbreitung zu finden), sind die beiden Klettergriffe am Türfutter, die auf den Hocktoiletten durch die Möglichkeit des „Langen Arms“ für funktionale Entspannung sorgen!
Nachdem wir etwas gegessen haben machen wir uns an den anstrengenderen und schweren Teil des Tages. Auf dem Weg zum Rifugio Remondino müssen wir zunächst ein endloses Steinfeld durch große Blöcke die Hanglinie, ungefähr 2 Kilometer, queren. Ein schöner Schlauch!
Dann kommt ein kurzer Anstieg von knapp Hundert Metern über die Bassa della Madre di Dio auf die andere Hangseite, der weitere Weg geht durch Schrofengelände im Bereich T4 bis T5 und ziemlich ausgesetzt immer um den Berg herum.
Am Ende sichern Seile über Felsen und Schrofen! Jetzt sehen wir schon die CAI Hütte Remondino, nochmal eine halbe Stunde Blockfeld, dann kommen wir auf der Terrasse der auch gut besuchten Hütte an.
Eine Kindergruppe des CAI bekommt hier – gut geführt und anscheinen interessant und lustig – eine schöne Kletterfreizeit! Wir verlieben uns – wie alle! – in den Hüttenhund. Wem das an Possierlichem noch nicht reicht, kleine Steinbockkinder turnen entspannt direkt neben uns!

Die Hütte ist sehr gut geführt, die Lage der Duschen mit Blick ins Tal ist super und das nette Team hat mehrsprachig radebrechend alles im Griff! Molto Grazie!
