Das Wetter ist gut gemeldet. Die heutige Tagesetappe ist zwar länger, aber hetzen brauchen wir auch nicht, zumal wir insgesamt mittlerweile ziemlich schnell geworden sind. 8:15 Uhr reicht also, um entspannt loszugehen. Zunächst geht es vom See aus 400 Meter zu einem Pass, der Weg ist schön reingelegt, lässt sich gut gehen, eine Stunde später sind wir oben. Dann folgt ein steiler Abstieg von ca. 800 Meter nach San Bernolfo im Valle Stura, einem ehemaligen Dörfchen, das mittlerweile ein Ferienort geworden ist.
In der dortigen Kapelle machen wir eine kurze Pause.
Eine kleine Teerstraße geht nochmal 200 Meter tiefer, ich verfluche mich, daß ich nicht gleich den Fahrer des einzigen runterfahrenden Autos gebeten habe, uns mitzunehmen. Das nächste Auto ist ein kleiner 2Türer. Der Fahrer reagiert prompt auf den Daumen – in den Bergen fährt keiner vorbei! Kein Problem uns mitzunehmen bis zum nächsten Taleinstieg. Allerdings muss der Sohn mit mir hintenreinklettern, ich bekomme meinen Rucksack auf den Schoß. Die Mittelkonsole ist außerdem mit langen Stangen verbarrikadiert, ich frage den Sohn, was sie damit vorhaben, er sagt, für den Spaziergang. Sein Vater erklärt auch das verlängerbare Gartengerät, sie gehen die Zapfen der Zirben ernten, er will seinem Freund aus Deutschland einen Schnaps daraus brennen.
2 Kilometer weiter und 200 m tiefer setzt er uns an einem Flüsschen ab. Hier geht es in das Val Tesina. Wir freuen uns, bereits so früh an diesem Punkt zu sein, von hier aus geht es noch mal 1000 Meter hoch und dann wieder 400m Abstieg. Es ist aber erst halb zwölf, also noch massenhaft Zeit! Der Aufstieg ins Val Tessina ist wirklich sehr schön, ein Bilderbuchtal. Am Anfang von der Strasse weg etwas steiler, dann immer neben dem Gebirgsbach lang, der an vielen Stellen als Miniwasserfall herabstürzt, weit ins Tal hinein. Dabei steigen wir schön im Wald schon über 500m auf. Irgendwann wird es uns zu heiß. Wir springen kurz in den Bach rein.
Dann gehts weiter, aufmerksam und vorsichtig durch eine Herde Kühe mit Jungtieren durch. Dann kommt der letzte steilere finale Aufstieg zur Passhöhe auf 2600. Laut Wegschild angeblich in 20 Minuten zu schaffen – ich brauche 36 Minuten. Oben am Pass tummeln sich alle möglichen Spaziergänger, die die 400 Höhenmeter von der anderen Seite auf ehemaligen Militärwegen von Sant’ Anna di Vinadio aus hochkommen. Das Kloster ist an einem Ort mit einer Marienerscheinung gebaut, es ist ein kirchliches Zentrum, hierhin wird gepilgert, es finden Wallfahrten und Prozessionen statt. Nicht ganz unser Ding, aber es es gibt hier auch eine Posto Tappa des GTA. Schon interessant, sich das ganze mal anzuschauen.
Wir checken ein, trinken in der Bar nebendran ein Menabrea. WLAN gibt es auf den Zimmern keines – wir duschen und warten aufs Abendessen. Das ist in einem großen Raum organisiert später schätzen wir hier 150 Leute, die Bedienung wird von einigen Jugendlichen übernommen. Nach den Hauptgängen läuft zwanglos ein Priester in Zivil (der Abt?) und hält an jedem Tisch ein kleines Schwätzchen. Uns erkennt er als Deutsche, fragt, ob wir das erste Mal hier sind. Ich war vor fast 40 Jahren schonmal hier, damals wurden noch die Geschlechter getrennt untergebracht Er lacht und sagt, heute dürfe ich mit meiner Frau zusammen schlafen!
Bevor ich das tue, gehen wir noch in die Kirche und zünden für Cillis Mutter (sie wird dieses Jahr 90 Jahre alt), die das jeden Tag für uns tut, eine Kerze an.
